Pillion

Alexander Skarsgård
IRE
Der schüchterne, etwas richtungslose Colin begegnet an Heiligabend dem gutaussehenden Biker Ray – dem Anführer eines queeren Motorradclubs. Was als flüchtige Begegnung beginnt, entwickelt sich zu einer unkonventionellen Dom-Sub-Beziehung: Colin kocht, putzt, schläft auf dem Boden neben Rays Bett und ordnet sich dessen Willen unter. Und erstaunlicherweise geht er darin auf. Doch je länger die Beziehung andauert, desto mehr merkt Colin, dass er auch emotionale Nähe braucht – echte Zuneigung, die Ray ihm kaum zu geben bereit ist.
Als Ray ihn eines Tages auf Augenhöhe behandelt, kommt es zu einem innigen Moment, der eine ganz neue Dynamik zwischen den beiden aufblitzen lässt. Doch kurz darauf ist Ray spurlos verschwunden, die Wohnung leer. Colin bleibt allein zurück – und macht sich auf die Suche nach einem neuen Master, diesmal mit dem Wissen, was er wirklich braucht.
Der Film basiert auf dem Roman Box Hill von Adam Mars-Jones und ist das Spielfilmdebüt von Regisseur Harry Lighton – was man dem Werk kaum anmerkt. Technisch ist Pillion nahezu makellos: Die Bildsprache ist durchdacht, die Kamera einfühlsam, das Handwerk erstklassig. Und die Besetzung ist es erst recht. Harry Melling spielt den introvertierten Colin mit einer bemerkenswerten Zartheit und Verletzlichkeit, die man nicht mehr vergisst. Alexander Skarsgård als der kühle, dominante Ray ist eine echte Wucht – magnetisch und beherrschend, ohne je ins Klischee zu kippen.
Auch das Umfeld, das Lighton zeichnet, verdient Erwähnung: Colins Familie wirkt wohlig verständnisvoll und warmherzig – ein wohltuender Gegenpol zu Rays emotionaler Kälte.
Pillion lief in der Sektion Un Certain Regard in Cannes, erhielt dort eine siebenminütige Standing Ovation und gewann den Drehbuchpreis. Der Medienhype darum war für einen queeren Film ungewöhnlich groß – und hat die Erwartungen entsprechend hochgeschraubt. Wir waren nicht enttäuscht, aber irgendwie auch nicht ganz abgeholt.
Inhaltlich liegt der Finger auf einem echten wunden Punkt: Ray bleibt über den gesamten Film hinweg emotional verschlossen, was dramaturgisch durchaus Sinn ergibt – sein Verhalten macht Colins ungestillte Sehnsucht nach Liebe erst wirklich spürbar. Trotzdem hätten wir uns eine echte Entwicklung von Ray gewünscht. Der kurze Moment der Zärtlichkeit zwischen den beiden macht Lust auf mehr – und genau das ist wohl Absicht. Aber es hinterlässt auch ein kleines Vakuum.
Das Ende ist ein Happy End – nur eben nicht das, das man sich erhofft hatte. Colin findet einen neuen Master und scheint mit ihm glücklicher zu werden als je zuvor mit Ray – klüger, selbstbewusster, besser in der Lage, seine Bedürfnisse zu formulieren. Das ist eine echte Entwicklung. Aber man wünscht sich trotzdem, Ray hätte diese Chance bekommen.
Ein gelungener, kluger und handwerklich herausragender Film – mit kleinen Abzügen im Bereich der emotionalen Befriedigung. Dabei scheut Pillion auch vor expliziten Szenen nicht zurück; Nacktheit, BDSM und eine choreografierte Orgie eingeschlossen, die man in dieser Offenheit und Selbstverständlichkeit so selten auf der großen Kinoleinwand zu sehen bekommt.
Ein mutiger, unverkrampfter Blick in eine queere Welt, den man so selten im Kino sieht.
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