CSD Stuttgart 2019: „Mut zur Freiheit“

Quickie vom 9. Feb. 2019, eingestellt von StevenStgt
csd : stuttgart  |  
50 Jahre nach den Aufständen um das „Stonewall Inn“ am 28. Juni 1969 haben lesbi-sche, schwule, bisexuelle, transsexuelle, transgender, intersexuelle und queere Menschen (LSBTTIQ) unglaublich viel erreicht – der Mut der Gedemütigten von damals, Willkür, Verfolgung, Ausgrenzung und Ignoranz nicht länger zu dulden, hat viele Gesellschaften in weiten Teilen der Welt nachhaltig verändert; gerade auch in Deutschland: Homosexuelle Handlungen stehen nicht mehr unter Strafe. Viele der einst aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, geschlechtlichen Thematik oder nicht-traditionellen Lebensentwür-fen verfolgten Menschen werden sichtbar. Einige erhalten gar eine geringe Entschädigung für erlittenes Unrecht. Homosexualität und – allerdings erst seit Kurzem – Trans-sexualität, gelten nicht mehr als Krankheit. Das Personenstandsrecht ist im Wandel, so dass intersexuellen Menschen künftig keine Geschlechtszuweisung mehr aufgezwun-gen werden soll. Und dann natürlich die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare mitsamt dem gemeinsamen Adoptionsrecht.

Mit Beharrlichkeit haben wir Etappe um Etappe genommen. Bis zur vollständigen Gleich-stellung schien es nur eine Frage der Zeit. Denn in der Gesellschaft hatten wir Rücken-wind, dank engagierter Unterstützer*innen aus der Mehrheitsgesellschaft. Doch inzwi-schen spüren wir Verunsicherung im eigenen Land und in zahlreichen anderen Teilen der Welt: Verloren gegangen scheint die Gewissheit, dass sich die Gesellschaft aus-schließlich in Richtung Offenheit, Respekt, Toleranz und Akzeptanz entwickelt. Die Wert-schätzung gegenüber der erlangten gesellschaftlichen Freiheit scheint insgesamt durch arge Abnutzungserscheinungen geprägt.

Wie schon 1969 stehen Gesellschaften auch heute stark unter Druck, scheinen man-cherorts die liberalen Demokratien zu wanken. Es wirkt paradox: Je offener die Gesell-schaft insgesamt wurde, desto schwieriger wird es, auszuloten, wo die Freiheiten des Einen beginnen und die des Anderen enden – oder wo Gemeinsamkeiten liegen. In der Auseinandersetzung darum scheint mehr und mehr der Respekt verlorengegangen: Im Großen der Respekt vor den Institutionen, welche die Freiheit tragen, verteidigen und absichern sollen. Und im Kleinen der Respekt vor anderen Menschen mit anderen Per-spektiven, Erfahrungen, Weltbildern und Lebensrealitäten. Nun, wo wir frei sein und das Leben leben könnten, ohne Zwänge, Zuschreibungen und Konventionen – da werden
neue Abgrenzungen errichtet. Schon wieder werden Sündenböcke gesucht – und ver-meintlich gefunden. Wo Gemeinschaft zu erkennen war, herrscht plötzlich wieder Ab-schottung. Rückzug in die kleine, übersichtliche Welt statt Offenheit und Neugier.
Nicht umsonst beschreibt der Autor Francis Fukuyama in seinem neuen Buch „Identität“ die Fliehkräfte der heutigen gesellschaftlichen Umbrüche, indem er von einerseits Zer-splitterung oder Partikularinteressen und andererseits von einem Schulterschluss der Verunsicherten spricht. Links Vereinzelung, rechts Nationalismus. Dabei leiden die Würde, der Respekt und letztendlich die Freiheit aller.

Natürlich dürfen wir nicht verkennen, dass Rückenwind in Gegenwind umschlagen kann. Vergessen wir aber auch nicht die Unterstützung, die unsere berechtigten und wichtigen Anliegen bereits erfuhren und erfahren. Nutzen wir die Kraft und die Zuversicht, die aus dem Mut der Generationen an Vielfaltsverfechter*innen und emanzipatorischen Kämp-fer*innen, die sich 1969, 1979 oder zu anderer Zeit engagierten, um unseren eigenen „Mut zur Freiheit“ erneut und noch mehr anzufachen. Wann, wenn nicht 2019 – im Jahr der Regenbogen-Jubiläen – wäre dafür ein besserer Zeitpunkt.

Denn für zahlreiche Menschen der Regenbogen-Gemeinschaft ist das Leben weiterhin ambivalent: Vielfalt wird gefeiert, doch im eigenen Umfeld, in der Familie, dem Freun-deskreis, auf dem Pausenhof oder am Arbeitsplatz wirkt das wenig relevant. Die Folgen: Unsichtbarkeit, Selbstverleugnung und Selbstabwertung. Diese Menschen müssen in der Tat mutig sein, um im Alltag zu bestehen. Ganz zu schweigen von der vergessenen Mehrheit der LSBTTIQ in anderen Ländern, wo ihnen Tag für Tag Ausgrenzung, Verfolgung oder gar der Tod droht.

Anzupacken gibt es jede Menge; denn in den gewährten Freiheiten liegen weiterhin Be-schränkungen: bei der Familienplanung (Abstammungsrecht), im nötigen großen Wurf bei der Selbstbestimmung über Geschlecht und Körper (Dritte Option, Transsexuellen-gesetz), in der Absicherung des bisher Erreichten (Grundgesetzergänzung), in einem na-tionalen Aktionsplan gegen Homophobie und Transphobie, in einer Ahndung von Hass-verbrechen gegen LSBTTIQ, in Fristenregelungen beim Blutspenden, in humanitären Lö-sungen für Menschen, die aus Furcht vor Verfolgung aus ihrer Heimat flüchten („sichere“ Herkunftsländer), in einer verbesserten Teilhabe und Sichtbarkeit, in der Unterstützung beim Coming Out, die weitere Aufarbeitung von juristischem und gesellschaftlichen Un-rechts jenseits des § 175, in einer inklusiven Sprache, in der Wertschätzung von ehren-amtlichem Engagement sowie der nachhaltigen Förderung von Beratung, Selbsthilfe und Gemeinschaft. Bei all dem können und müssen wir weiterhin mutig sein, denn diese wichtigen Anliegen bedürfen Lösungen mit größtmöglicher Freiheit und verdienen eine offene Diskussion sowie eine unaufgeregte, breite Debatte – jenseits von Partikularinte-ressen und Abschottung.

Die 2019 anstehenden Jahrestage der LSBTTIQ-Emanzipationsbewegung – 50 Jahre seit „Stonewall“, 40 Jahre seit dem „Homobefreiungstag“ und damit seit der ersten CSD-ähnlichen Demonstration in Stuttgart – bieten die hervorragende Gelegenheit den eige-nen Mut zur Freiheit zu überprüfen, ihn auf Respekt, Aktualität und Wertschätzung ab-zuklopfen. Dabei gilt es, Schlüsse aus der Vergangenheit zu ziehen und Lehren für die Gegenwart abzuleiten. Aus jenen Ereignissen seit 1969 oder 1979 und den daraus er-wachsenen Erfolgen gilt es, Zuversicht zu schöpfen und Gestaltungswillen und Mut zu zeigen.

Wagen wir auch weiterhin mehr „Mut zur Freiheit“. Der CSD Stuttgart bietet dazu mit den Kulturtagen vom 12. bis 28. Juli 2019 wieder einen willkommenen Anlass. Mit der CSD-Polit-Parade am 27.7. gehen in der Stuttgarter Innenstadt wieder tausende Menschen auf die Straßen, zeigen sich mutig und kämpfen gemeinsam für die Freiheit. Die Vielfalt und die errungene Freiheit wird anschließend im Rahmen der CSD-Hocketse, dem zwei-tägigen Straßenfest auf Markt- und Schillerplatz, am 27. und 28.7. gebührend gefeiert.



Der CSD Stuttgart findet 2019 vom 12. bis 28. Juli statt. Mit der CSD-Polit-Parade unter dem Motto „Mut zur Freiheit“ zieht am Samstag, 27.7. die nächste große Demonstration für die vollständige rechtliche Gleichberechtigung, sichtbare Vielfalt und gesellschaftliche Akzeptanz durch die baden-württembergische Landeshauptstadt. Gefeiert und informiert wird außerdem beim zweitägigen Straßenfest, der CSD-Hocketse, am gleichen
Wochenende (27. + 28.7.) auf Markt- sowie Schillerplatz. Im Rahmen der Kulturtage im Juli 2019 organisiert die Regenbogen-Community mit Unterstützung zahlreicher weiterer gesellschaftspolitisch aktiver Akteur*innen gut 100 Einzelveranstaltungen, die zum of-fenen Dialog einladen und für mehr Sichtbarkeit der LSBTTIQ-Belange sorgen.

Der CSD Stuttgart findet 2019 vom 12. bis 28. Juli statt. Mit der CSD-Polit-Parade unter dem Motto „Mut zur Freiheit“ zieht am Samstag, 27.7. die nächste große Demonstration für die vollständige rechtliche Gleichberechtigung, sichtbare Vielfalt und gesellschaftli-che Akzeptanz durch die baden-württembergische Landeshauptstadt. Gefeiert und in-formiert wird außerdem beim zweitägigen Straßenfest, der CSD-Hocketse, am gleichen Wochenende (27. + 28.7.) auf Markt- sowie Schillerplatz. Im Rahmen der Kulturtage im Juli 2019 organisiert die Regenbogen-Community mit Unterstützung zahlreicher weiterer gesellschaftspolitisch aktiver Akteur*innen gut 100 Einzelveranstaltungen, die zum of-fenen Dialog einladen und für mehr Sichtbarkeit der LSBTTIQ-Belange sorgen.



weitere Infos » www.csd-stuttgart.de
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